Der Kieler Meeresbiologe Rainer Froese hat einen zwei- bis dreijährigen Fangstopp für Ostseedorsch gefordert. Eine Verringerung der Fangquote für das kommende Jahr sei nicht ausreichend. In der Nordsee gebe es für den Traditionsfisch vermutlich keine Rettung mehr.

Kiel/dpa – Der EU-Agrarrat tagt bis morgen in Brüssel und will die Fischereiquoten für 2007 festlegen. Für den Dorsch sollen die Quoten in der westlichen Ostsee (bis Bornholm) um sechs Prozent auf 28000 Tonnen, in der östlichen Ostsee um zehn Prozent auf 41000 Tonnen reduziert werden.

 

Der Meeresbiologe Rainer Froese vom Leibniz-Institut für Meereswissenschaften in Kiel kritisiert diese Beschlüsse. Die Politiker sollten die Vorschläge der Wissenschaftler eins zu eins übernehmen, forderte er. "Sie ignorieren das Jahr für Jahr, was zum gegenwärtig schlechten Zustand aller Bestände geführt hat."

Für einen Fangstopp plädieren auch die Umweltschützer vom WWF (World Wide Fund For Nature). „Der Dorschbestand in der Ostsee ist bereits um ein Drittel geschrumpft“, sagt WWF-Fischereiexpertin Heike Vesper. Sie gehe zudem davon aus, dass durch illegale Fischerei die Quoten weit überschritten würden.

 

Düstere Aussichten sieht Meeresbiologe Froese für den Traditionsfisch in der Nordsee. Dort heißt er Kabeljau und wird nach Angaben des Wissenschaftlers in vermutlich zwei Jahren verschwunden sein: „Die Kabeljaubestände sind so weit überfischt, dass diese Art vor dem Zusammenbruch steht“, so Froese. „Die Forschungsschiffe finden nicht einmal genug Kabeljau für ihre Bestandsschätzungen und auch die Fischer können die festgesetzten Quoten nicht ausschöpfen.“ Helfen könne hier, wie auch in der Ostsee, nur noch der Fangstopp. Für die Ostsee schlägt Froese eine Unterbrechung des Fangs von zwei bis drei Jahren vor.

 

Danach sollte die Maschenweite der Netze so vergrößert werden, dass die Mindestgröße der gefangenen Dorsche von jetzt 38 Zentimeter auf mindestens 42 Zentimeter zunimmt. Dann käme immerhin die Hälfte der Fische zum Laichen. Optimal wären 48 bis 50 Zentimeter. „Dann wären die Dorsche beim Fang vier bis fünf Jahre alt und hätten ihre biologische Funktion erfüllt. Das würde den Bestand erhalten.“

 

Ein vorübergehender Stopp des Fangs würde langfristig die wirtschaftliche Situation der Fischer verbessern, ist Froese überzeugt. In der Zwischenzeit müsste den Betrieben das Überleben gesichert werden. Sie könnten das so genannte Monitoring (Überwachung) der Fischbestände übernehmen und während dieser Zeit Geld vom Staat erhalten.

 

Froese setzt außerdem auf das Qualitätssiegel MSC und ein anderes Fischereiverhalten zur Rettung von bedrohten Fischbeständen. „Hoffnung kommt von Teilen der Industrie und von Verbrauchern, nicht jedoch von der Politik“, sagte Froese. Das Siegel MSC (Marine Stewardship Councel) garantiert ökologische Standards beim Fang von Fischen. Kunden, Handel und Industrie fragten verstärkt nach MSC-Fisch, der überwiegend aus dem Pazifik stamme. „Das ist ein Erfolg.“

 

Nach Überzeugung des Experten Siegfried Ehrich von der Hamburger Bundesforschungsanstalt für Fischerei ist der Tradtionsfisch in Nord- und Ostsee nicht vom Aussterben bedroht. „Wir haben ein Managementproblem. Die Art wird aber nicht aussterben“, sagte der Kommissarische Leiter des Instituts für Seefischerei. Es gebe in der EU einen Wiederaufbauplan für Kabeljau. Fangquoten und Fangtage würden reduziert. Aus Ehrichs Sicht wäre der Fang älterer Fische als bisher sinnvoll. Die Verwendung von Netzen mit größeren Maschen sei aber beim gleichzeitigen Fang verschiedener Arten schwierig.
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