Jugendveranstaltung Kinderschutz - lsfv-sh.de

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Prävention sexualisierter Gewalt

Warum sind Kinder in Sportvereinen besonders gefährdet Opfer sexualisierter Gewalt zu werden? Welche Täterstrategien sind bekannt? Habt ihr euch in euren Vereinen darüber mal Gedanken gemacht oder euch schon mit dem Thema beschäftigt?

Fragen über Fragen, mit denen sich die Teilnehmer aus verschiedenen Angelvereinen Schleswig-Holsteins vom 11.-13.3.2016 in der Jugendherberge am Westensee befassten. Unter dem Motto „Aktiv im Kinderschutz-Prävention sexualisierter Gewalt“ führte Lehrgangsleiter Rene Strebe ein Seminar für Jugendgruppenleiter und alle diejenigen durch, die sich für die Jugendarbeit in den Angelvereinen Schleswig-Holsteins engagieren.

Der Lehrgang begann mit drei Fragen als „leichtem“ Einstieg.

→ Inwieweit war/ist das Thema sexualisierte Gewalt in meinem beruflichen/sportlichen Umfeld im Gespräch?

→ Was waren meine Gedanken und Reaktionen auf TV- und Presseberichte?

→ Warum hatte ich diese Gedanken und Reaktionen und was hat mich zu ihnen gebracht?

 

In einer allgemeinen Gesprächsrunde stellte sich heraus, dass dieses sensible Thema viel zu wenig in den Vereinen bearbeitet bzw. thematisiert wird. Aber woran liegt das? Ist es ein Tabuthema? Wird sexualisierte Gewalt nicht ernst genommen? Glaubt man vielleicht: „Das passiert in meinem Verein sowieso nicht!“? Klar ist: das Thema ist wichtig und man sollte sich viel mehr damit beschäftigen.

Gesagt, getan... Die Teilnehmer teilten sich in 3er-Gruppen auf und erhielten je drei Fallbeispiele, die sie zuordnen sollten. Gruppenintern wurde sich darüber ausgetauscht, ob das Beispiel ein sexueller Übergriff ist oder nicht. Dies unterteilte sich in 5 verschiedene Kategorien (Klares Ja, Eher Ja, Eher Nein, Klares Nein und Weiß ich nicht). Vielen ist gar nicht bewußt, was sexualisierte Gewalt bedeutet und wo sie anfängt. Dazu eine Kurzdefinition:

Sexualisierte Gewalt:

- Geschlechtsbezogene Übergriffe durch Worte, Bilder, Gesten, Handlungen mit/ohne Körperkontakt

- Machtausübung mittels Sexualität

- Verletzung des Rechtes auf sexuelle Selbstbestimmung

 Wie sind die Strategien von Tätern im Vereinsleben?

Bis es zu einem eventuellen sexuellen Übergriff kommen kann, können Monate, sogar Jahre vergehen. Potentielle Täter suchen sich oftmals Sportvereine aus, in denen viele Kinder und Jugendliche unterschiedlicher Altersklassen aufeinander treffen. Grundliegend unterscheiden sich die Formen der „sexualisierten Gewalt“ nicht von den Formen in anderen gesellschaftlichen Bereichen.

Aber es gibt Faktoren, die eine „sexualisierte Gewalt“ begünstigen können:

→ Sportliche Aktivitäten, die sehr körperbezogen sind

→ Die spezifische Sportkleidung und Umkleidesituationen (z.B. Schwimmverein)

→ Fahrten zu Wettkämpfen und Freizeiten mit Übernachtungen

→ Einzelbesprechungen, Einzeltraining

→ Rituale wie Umarmungen z.B. bei Siegerehrungen

→ Enge Bindung der Kinder und Jugendlichen an Trainer/in

→ geringe Transparenz in der Vereinsarbeit

→ Wenig Kontrolle der Mitarbeiter/in in ehrenamtlich geführten Vereinen und Verbänden

Übergriffe geschehen selten spontan, sondern sind überwiegend vorbereitete und geplante Taten. Der Täter baut im Vorfeld eine immer engere Beziehungsebene zu seinem potentiellen Opfer auf. Dies geschieht anfangs durch Beobachtung. Kinder, die selbstbestimmend und extrovertiert sind, sind oftmals weniger gefährdet als Kinder/Jugendliche, die introvertiert sind und zurückgezogen leben.

Es wird abgewogen, ob das „Opfer“ ein stabiles soziales Umfeld hat und in die Gruppe gut integriert ist, oder ob das ausgesuchte Kind bzw. der ausgesuchte Jugendliche eher eine „Außenseiterrolle“ einnimmt.

So ein Kind/Jugendlicher hat in der Regel das Bedürfnis, in die Gruppe aufgenommen zu werden und von den anderen akzeptiert zu werden. Das nutzt ein potentieller Täter oftmals aus.

Er macht Versprechungen, die dazu führen, dass das Kind/der Jugendliche in die Gruppe aufgenommen wird und verschafft sich so eine noch festere Vertrauensbasis.

Es können Einzelgespräche in fensterlosen Räumen folgen, Einzeltraining wird durchgeführt.

Der Täter versucht, Situationen zu schaffen, in denen er mit seinem potentiellen Opfer alleine und unbeobachtet sein kann.

Es fängt mit Beobachtung an und kann sich immer mehr steigern, über leichte Berührungen bis hin zu einer eventuellen Vergewaltigung.

Der Täter setzt sein Opfer meistens unter Druck. Es solle niemandem davon erzählen und an die Versprechungen denken.

Das Opfer fängt an, selbst Schuldgefühle zu entwickeln. Es wollte ja zur Gruppe gehören und deswegen muss es da jetzt durch. Das kann ein Gedanke von Opfern sein.

Erschreckend ist, dass manchmal viele Jahre vergehen können, bis ein sexueller Übergriff aufgedeckt wird. Die Opfer trauen sich oftmals nicht, über die Tat zu sprechen und schämen sich dafür. Das Problem: Der Täter kann ungestraft weiter machen und keiner bemerkt es.

Die Teilnehmer lasen zunächst (bei schönem Wetter und Blick über den Westensee) Fallbeispiele: was ist geschehen? Wie haben sich Betroffene gefühlt? Wie haben sie reagiert?

Anschließend äußerten die Teilnehmer ihre Meinungen und Emotionen und tauschen sich über die Beispiele aus.

Wie verhält man sich im Fall eines sexuellen Übergriffes bzw. wenn der Verdacht besteht?

1. RUHE BEWAHREN

→ Keine voreiligen Schlüsse ziehen und nichts überstürzen, denn dies kann die Situation verschlimmern.

 2. OFFENHEIT DEM KIND/JUGENDLICHEN GEGENÜBER

→ Dem Betroffenen vertrauensvoll gegenübertreten und ihn nicht unter Druck setzten oder drängen.

3. AUF SICH SELBST ACHTEN

→ Sich mit seinen eigenen Befürchtungen, Ängsten und Gefühlen auseinander setzen und niemals alleine handeln oder versuchen, die Situation eigenständig zu lösen

4. NICHT EIGENMÄCHTIG HANDELN

→ Sich mit anderen vertrauensvoll austauschen über Gefühle, Beobachtungen, Informationen und Wahrnehmungen

5. VORSICHT BEI VORSCHNELLEN ANSCHULDIGUNGEN

→ Keine Gerüchte in Umlauf bringen, die Situation vertraulich behandeln und niemals den evtl. Täter mit der mutmaßlichen Tat konfrontieren. Das kann dazu führen, dass der Täter den Betroffenen noch mehr unter Druck setzt.

6. INFORMATION DES VEREINSVORSTANDES

→ Sofortige Information an eine Vertrauensperson im Vorstand oder an den zuständigen Ansprechpartner geben und das weitere Vorgehen besprechen und planen.

7. UNTERSTÜTZUNG HOLEN

→ Mit einer Vertrauensperson über weitere Schritte beraten, z.B Kontakt zu den Eltern, einer Beratungsstelle, einer Notfallnummer oder Behörde aufnehmen.

Diese Punkte greifen nicht, wenn ein Täter auf frischer Tat gestellt wird. Dann sind Polizei und zuständige Behörden sofort zu informieren.

Wie kann ein Schutzkonzept für einen Verein aussehen?

Drei wichtige Säulen des Schutzkonzeptes:

Struktur

Eine klare Struktur sollte vorhanden sein, so dass von außen erkennbar ist, dass alles für den Kinder- und Jugendschutz unternommen wird.

→ Satzung (darin sollte verankert sein, was aktiv für den Kinder- und Jugendschutz getan wird.)

→ Räumlichkeiten (Geschlechtergetrennte Räumlichkeiten: Dusche, WC und Umkleideräume)

→ Ansprechpartner (eine vertrauensvolle Person, die sich mit Kinder- und Jugendschutz auskennt und im Verein bekannt ist)

→ Reaktionsplan (Auflistung von Schritten in einem Verdachtsfall)

Personal

„Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“

→ Persönliche Eignung (Ist man in der Lage, eine Jugendgruppe zu leiten?)

→ Ehrenkodex (Erläuterung und Verpflichtungen des Aufgabengebietes im Vereinsleben mit persönlicher Unterschrift)

→ Erweitertes Führungszeugnis (um Straftaten ausschließen zu können, die das Wohl der Kinder und Jugendlichen gefährden könnten)

→ Aus- und Weiterbildung (um auf dem neuesten Stand im Kinder- und Jugendschutz zu bleiben)

Verhalten

→ Offenheit (nichts verheimlichen, nichts alleine auf eigene Faust durchführen)

→ Eindeutigkeit (nicht in Situationen begeben, die falsch interpretiert werden können)

→ Transparenz (alles mit allen Teilnehmern und Angehörigen besprechen und offen legen, Informationsveranstaltungen durchführen)

Das oberste Gebot bei der Prävention: KINDER STARK MACHEN!

Am letzten Abend wurde den Teilnehmern ein Film vorgestellt, bei dem es darum ging, was geschieht, wenn eine Person falsch verdächtigt wird und wenn eine Person unwissentlich handelt. Ist eine Anzeige gegen einen evtl. Täter aufgenommen worden, kann diese nicht einfach zurückgezogen werden. Ein falscher Verdacht kann kann das Leben einer unschuldigen Person zerstören. Aber auch eine zögerliche Reaktion auf eine tatsächliche Tat kann ein Leben zerstören. Dieser Film bewegte viel bei den Teilnehmern und führte zu gemischten Gefühlen.

Wir stellen fest: das Thema „Aktiv im Kinderschutz-Prävention sexualisierter Gewalt in Sportvereinen“ ist ein sehr komplexes und sensibles Thema. Wir sollten uns mehr für den Schutz der Kinder und Jugendlichen einsetzen, die wir betreuen, damit sie mit viel Spaß und Freude ihre sportliche Tätigkeit ausüben können. Wenn wir alle an einem Strang ziehen und für Aufklärung sorgen, können Übergriffe vermieden und verhindert werden.

Jennyfer Hansen

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