Teilnehmer des Gewässerwarteseminars am Westensee hieven die Reuse an Bord.

Bericht zum Gewässerwarteseminar 2022 am Westensee

Johannes Radtke | 07.09.2022

„Das was ich hier diesen Tagen erleben durfte, war ein ganz großes Abenteuer. Und dass ich mit bald 60 Jahren noch so viele Sachen lernen kann, hätte ich auch nicht gedacht. Das war das beste Seminar, dass ich im Bereich Fischkunde und Angelei mitgemacht habe!“ Mit diesem großen Lob durch Kay Stappen, einem der fast 30 Teilnehmer, ging unser diesjähriges Gewässerwarteseminar mit dem Thema „Methoden der Fischbestandserhebung“ an unserem Westensee (Link) zu Ende.

Thema des Gewässerwarteseminares: Was ist drin, im Westensee?

LSFV-Biologe Rüdiger Neukamm erklärt im Rahmen des Gewässerwarteseminares am Westensee, den Teilnehmern, welche Fischarten ufernah zu finden sind.
Na, welche Weißfischart ist das? Zu Beginn des Gewässerwarteseminars am Westensee gab es auch einen Crashkurs in der kniffligen Bestimmung junger Friedfische.

Damit traf Kay wohl die Stimmung während des gesamten Seminares auf den Punkt. In lockerer Atmosphäre und bei bestem Wetter wurde durch unsere sechs Referenten eine Menge Wissen vermittelt. Ziel des Seminares ist es, die Absolventen in die Lage zu versetzen, Fischbestände in ihren Vereinsgewässern selbstständig beproben und einschätzen zu können. Nur mit dem Wissen um die vorhandenen Fischbestände lässt sich schließlich ein „artenreicher, heimischer und gesunder Fischbestand“ aufbauen oder bewahren. Dieses Ziel ist im Landesfischereigesetz in Paragraph 3 festgehalten, somit sind die Gewässerwarte diesem Hegeziel also quasi verpflichtet. Das Wissen, wie dies zu erreichen ist, vermitteln wir in unseren Gewässerwarteseminaren, die vom Land durch die Fischereiabgabe bezuschusst werden.

Der LSFV-Biologe Rüdiger Neukamm erklärt den Seminarteilnehmern, wie ein Zugnetz funktioniert.

Bei jedem der Seminarteilnehmer spürte man eine zunehmende, glühende Begeisterung für die Materie und natürlich die Spannung, wenn ein Netz gehoben wurde. Der etwas nüchterne Titel der Veranstaltung mag zunächst einen etwas trockenen Stoff erwarten, doch in der Praxis wurde es schnell spannend und alles andere als trocken.

Fisch im Netz – und jetzt?

Die LSFV-Biologen erklären den umherstehenden Teilnehmern des Gewässerwarteseminares, wie ein Fang schnell und fischschonend aufgearbeitet wird.
Bei der Auswertung des Fanges geht es um Effizienz und Genauigkeit – die Fische sollen schnell zurück ins Wasser und alle wichtigen Daten müssen erhoben und vermerkt werden. An einem ersten Beispiel-Hol zeigen unsere Profis, wie das geht. 

Die Seminarteilnehmer lernten nach einer kurzen theoretischen Einweisung zunächst, wie ein Fang schnell und schonend aufbereitet wird. Was einfach klingt, ist tatsächlich recht knifflig. Dazu gehört das Sortieren, Wiegen Messen und zählen – und dabei soll der Fisch so wenig wie möglich gestresst werden. Zudem müssen alle erhobenen Daten strukturiert erfasst werden. Die Fangaufbereitung und -Auswertung erfordert also ein geplantes, eingespieltes Vorgehen. Die Referenten Mattias Hempel, Rüdiger Neukamm, Marius Behrens und Jakob Skwara zeigten also mit einem ersten Probefang aus der E-Fischerei, wie dies optimalerweise vonstattengeht. Zeitgleich legten unsere beiden Referenten aus der Fischerei, Thomas Philipson und Matthias Pfalzgraf, ihre Reusen und Stellnetze aus.

Mit allen Methoden auf den Westensee

Eine Fischkiste wird mit großen Barschen gefüllt.
Um ein möglichst allumfassendes Bild vom Fischbestand des Westensees zu erhalten, und die Teilnehmer gut auf unterschiedliche Bedingungen an ihren Vereinsgewässern vorzubereiten, wurden unterschiedlichste Fangmethoden eingesetzt. Hier wird ein guter Zugnetz-Hol sortiert.

Der folgende Tag stand voll und ganz im Zeichen der Praxis. In drei Gruppen aufgeteilt, lernten die Teilnehmer den Umgang mit allen wichtigen Fanggeräten. Eingesetzt wurden die passiven Methoden Stellnetz und Reuse sowie E-Fischerei und zwei unterschiedliche Zugnetze. Die Referenten erklärten beim Ausbringen und Bergen der Netze, worauf im Detail zu achten ist, wie die Fanggeräte funktionieren und welche Eigenheiten sie mit sich bringen. Bei der Auswahl der Netze wurde natürlich darauf geachtet, dem Fischbestand des Sees nicht zu schaden. So wurden sehr kurze Stellnetze verwendet und neben den Kiemennetzen auch fischschonendere Spiegelnetze eingesetzt. Bei der E-Fischerei ging es zunächst um Sicherheitsaspekte, bevor die Uferbereiche des Westensees befischt wurden.

Überraschungen in den Stellnetzen

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Bereits die ersten Meter des ersten Stellnetzhols ließen erahnen, dass sich beim Zanderbestand im Westensee einiges zum Guten entwickelt hat. Hier wird ein gut 80er Fisch ins Boot geholt.

Schon bei den ersten Hols mit dem Stellnetz, die von Thomas Philipson und Matthias Pfalzgraf angeleitet wurden, gab es Überraschungen – nicht nur für die Seminarteilnehmer. Neben den beinahe zu erwartenden guten Mengen an großen Barschen und beachtlichen Rotaugen kamen gleich mehrere große Zander (bis fast 90 Zentimeter) und vor allem eine größere Anzahl an Jungzandern zum Vorschein. Offenbar hat die Reproduktion am Westensee im vergangenen Jahr gut geklappt. Insgesamt wurden deutlich mehr Zander in unterschiedlichen Größen gefangen als unsere Biologen erwartet hatten. Ein einzelner Stellnetzhol gab zudem einen kleinen Einblick in den guten Schleienbestand des Westensees – eine ganze Schule ordentlicher Schleien zappelte in den Maschen und konnte schnell zurückgesetzt werden.

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Die Fische, die ins Spiegelnetz gingen, ließen sich größtenteils gut aus dem Stellnetz befreien. Besonders schön: alle Seminarteilnehmer zeigten größten Respekt vor den Fischen und achteten sehr darauf, die Fische schonend zu behandeln.

Erfreulich viel Aal beim E-Fischen

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Jakob Skwara (li.) fischte mit seiner Gruppe das Flachwasser elektrisch ab. Besonders seltene Fische wie der Steinbeißer, aber auch Jungfische aller Arten und Aal wiesen sie so nach.

Bei der E-Fischerei, die durch Mattias Hempel und Jakob Skwara betreut wurde, zeigte sich, dass unsere Besatzaktionen der jüngeren Vergangenheit offensichtlich recht erfolgreich waren. „An der einen Baumwurzel kamen acht Aale auf einmal zum Kescher!“ berichtete ein Teilnehmer begeistert. Tatsächlich war kaum ein geeigneter Standort auf den befischten Uferstrecken ohne Aal. Die Größenzusammensetzung der ufernahen Aalfänge lässt vermuten, dass die meisten Fische aus Besatz resultieren. Wir freuen uns über die recht hohe Aaldichte und hoffen, dass in ein paar Jahren die ersten Blankaale aus unserem Besatz abwandern können. Neben den Aalen kamen recht viele Kleinfische, darunter der vermeintlich seltene Steinbeißer, zum Vorschein. Gelegentlich waren junge Quappen im Fang, fast immer jedoch ein- und zweijährige Schleien – noch ein Indiz für den guten Bestand.

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Junge Schleien waren überall in bewachsenen Uferbereichen zu finden. Steinbeißer hingegen eher auf den sandigen Flachwasserflächen. 

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Die beachtlichen Aalfänge zeigen, dass unser seit ein paar Jahren durchgeführter Besatz sich im See gut entwickelt. 

Der letzte Zugnetzhol …

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Das  Zugnetz wird mit dem Boot in einem großen Bogen ausgebracht …

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… und mit Muskelkraft eingeholt.

Der letzte Durchgang mit dem Zugnetz war auch der beste des ganzen Wochenendes. Nachdem sich am ersten Tag das größere der beiden eingesetzten Zugnetze am Grund verfangen hatte und so kaum Fisch gefangen wurde, passte beim letzten hol noch mal alles zusammen. Zunächst legten Rüdiger Neukamm und Marius Behrens ein kleines Zugnetz mit geringer Maschenweite aus. Nach dem Einholen zeigte sich, dass sich am Tags zuvor noch relativ fischfreiem Platz plötzlich Massen von Brutfisch und mit ihnen Junge Hechte eingestellt hatten.

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Das kleine Zugnetz brachte massenhaft Brutfisch und viele kleine Hechte, die ihnen offenbar folgten. Die Referenten Marius Behrens und Rüdiger Neukamm freuten sich mit den Teilnehmern über den gelungenen Hol.

Der zweite Hol eine halbe Stunde später am gleich Platz, nur mit einem größeren Netz, offenbarte, dass hinter den Brutfischen wohl die Barsche gelauert hatten: Im Steert des Netzes zappelte ein ganzer Großbarsch-Schwarm, allesamt prächtige Fische zwischen 25 und 45 Zentimetern. Es wurde nur eine Unterprobe für das Vermessen gehältert, der Rest des Schwarms durfte gleich wieder Richtung Brutfisch schwimmen. Dieser Fang zeigte, wie mobil die Fische im Westensee sind – und wie wenig Scheu Barsche zeigen, lag zwischen den Hols doch nur eine halbe Stunde.

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Bei einem so großen Fang und so anständigen Barschen darf man auch mal posieren. Nach der Auswertung wurden die Fische übrigens zurückgesetzt.

Das ist drin – die Auswertung

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Die einfache Einteilung der Häufigkeiten der Fischarten gibt sicherlich nur einen Momentaufnahme wider. Zur Planung von Besatz und anderen Hegemaßnahmen ist diese Wertung jedoch schon goldwert.

Nun folgte noch eine schnelle, einfach Auswertung der Fänge vom Wochenende. Mit einer einfachen Einteilung in Häufigkeitsklassen bekamen die Teilnehmer auch gleich eine geeignete Bewertungsmethode für ihre eigene Bestandserfassungen an die Hand. Auch wenn der vorrangige Zweck des Seminars das Vermitteln von Wissen war, so wollten wir dies zumindest mit einer groben Erhebung des Fischbestandes am Westensee kombinieren.

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Die Zander scheinen insgesamt zugenommen zu haben. Sie wurden in unterschiedlichsten Altersklassen gefangen. Viele Jungfische lassen auf gute folgende Zanderjahre hoffen …

Unser erster Eindruck: dem Barschbestand geht es richtig gut – entgegen dem Eindruck mancher Angler! Der Hecht bildet einen großen, sehr stabilen Bestand und der Zander hat uns weniger mit seinen erwartbar großen Exemplaren als mit seiner Menge überrascht. Die Schleien sind nach wie vor stark im Westensee (auch wenn niemand auf sie zu angeln scheint). Unser Aalbesatz zahlt sich aus, es scheint keine besonders hohe Sterblichkeit zu geben. Wir fingen viele große Rotaugen, große Brassen und massenhaft Weißfisch-Brut, auch hier scheint alles in Ordnung zu sein.

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Die Rotaugen waren im Westensee häufig, groß und sehr wohlgenährt, wie man an diesem besonders kompakten Exemplar sieht.

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Im Rahmen der Auswertung zeigte Mattias Hempel anhand von Zander-Kiemendeckeln noch eine schnelle Altersanalyse-Methode.

Vielen Dank an alle Teilnehmer!

Neben der Mengen- und Größenauswertung gab Mattias Hempel anhand der Kiemendeckel von zwei an diesem Wochenende gefangenen Zandern noch einen kleinen Einblick in die Altersfeststellung bei Fischen. Die 87 und 82 zentimeter langen Fische waren übrigens beide über 10 Jahre alt! Auch hier waren die Teilnehmer sehr interessiert, vielleicht eine Idee für ein weiteres Gewässerwarteseminar? Das Interesse wäre jedenfalls da – wie am gesamten Wochenende und alle Inhalte betreffend! Nach einem letzten Kaffee und Stückchen Kuchen ging es für die Teilnehmer mit einem sicherlich vollen Kopf, aber offensichtlich zufrieden auf die Heimreise.

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Wir bedanken uns bei allen Teilnehmern für das tolle Mitmachen und die grandiose Stimmung.